Bundesarchiv: nationalsozialistischer Verbrechen

Es ist unklar, wie lange dieses Archiv "Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" noch unter der Landesjustizverwaltung Baden-Württemberg stehen wird, mit dem derzeitigen Oberstaatsanwalt Thomas Will. Denn sobald das letzte Opfer oder der letzte Täter verstorben ist, muss die Strafverfolgung eingestellt werden. So nutzen wir am 7.11. im Rahmen unserer Vorbereitungstreffen für die Gedenkfahrt die Chance, das Bundesarchiv zu besuchen. Herr Kress, ein Geschichtslehrer, der teilweise für diese Tätigkeit freigestellt ist, empfing uns im Torhaus in Ludwigsburg. Hier ließ er uns zuerst die Ausstellung zum Dritten Reich anschauen. Nach einem kurzen Gespräch, um unser Vorwissen abzuklären, legte er mit Information los, die auch uns teilweise neu waren. Zum einen beschrieb er, wie sich die Gewaltspirale immer mehr zuspitzte. So wurde vom einfachen Zusammenschlagen zu Erschießungen gegangen. Bald wurde gerechnet, dass ein Polizist mit einer Pistole nur 70 Menschen pro Tag töten konnten und neue Methoden benötigt wurden. Bei diesen Zahlen und bei dem Wort „nur“ erschraken wir, doch so wurden uns klar wie immens dann die nächsten Stufen waren. Unter anderem war uns neu, dass die Nazis so auf Pump gelebt haben. Sie mussten dafür sorgen, dass der Krieg 1938 ausbricht, damit sie den Rückzahlungen und den damit verbunden Bankrott entgehen konnten.

Als Sara ein nachgestelltes Zimmer eines Staatsanwaltes fotografierte, das sich unter uns unter einer Glasplatte befand, wollte Herr Kress wissen, welche Beweise sie gerade dokumentierte. Schon gab er ihr den Auftrag eine Ermittlung zu leiten, aus welchem Jahr das Zimmer stammt. Die Schüler*innen waren ihre Zuarbeiter*innen. Schüler „Auf dem Ordner steht doch 1968!“. Kress „das ist doch nur die Zahl 1.968“. Uns hatte schon das Fieber gepackt, hieb- und stichfeste Beweise für diese Ermittlung zu finden. Den Stammbaum von Hitler, enttarnten wir bald als Organigramm, das genauso wie eine Karte von 1938 für einen Oberstaatsanwalt passt, der Nazi-Verbrechen ermittelt.

Im Archiv erklärte uns Herr Kress, wie empfindlich die Akten sind. Das Fett der Finger ist genauso schlimm, wie die Säure, die sich aus Heftklammern ergibt. Damit das Papier aber noch  nach  über  hundert  Jahren  lesbar  bleibt,  wird  es lichtdicht verpackt. In einem riesigen Register werden die

Täter*innen, Zeug*innen und Opfer den Akten zugeordnet, genauso wie die Orte registriert sind. Da die Staatsanwälte immer wieder wechseln, müssen sie auf den Registerkarten die wichtigsten Informationen für ihre Nachfolger*innen zusammenfassen, damit diese die Ermittlungen ohne Zeitverlust weiterführen können. Ein Mitarbeiter wühlte sich gerade durch die Karten, weil er einen Auftrag bis Donnerstag zu erledigen hatte.

Danach bereiteten wir eine Verhandlung für den Fall Boger vor. Boger war ein Nazi aus Zuffenhausen, der in Auschwitz eine brutale Verhörmethode praktizierte. Die Verhörten wurden an eine Stange durch die Kniekehlen gefesselt und mit Kopf nach unten aufgehängt. Während der Befragung wurden sie bis zur Ohnmacht geschlagen. Die Akten vom Fall Boger wurde auf sechs Gruppen aufgeteilt: Eröffnung, Biografie, Belastungszeug*innen, Entlastungszeug*innen, Bewertung der Zeug*innen und Urteil. Eine Stunde hatten die Gruppen für die Vorbereitung ihrer Plädoyers Zeit, dann begann die Verhandlung.

Boger ließ sich am 1.12.1942 nach Auschwitz versetzen, wo er sich in die politische Abteilung weiterversetzen ließ. Seine Biographie spricht für ihn, weil er einen Auftragsmord nicht durchführte und die Strafen in Kauf nahm. Außerdem pflegte seine Frau mit Jüd*innen einen guten Umgang. Gegen ihn spricht, dass er schon 1930 in die SS eintrat und machtbesessen war. Einst war es sehr schwer, die Belastungszeug*innen zu ermitteln, da der Prozess erst 15 Jahre später aufgenommen wurde. Die Opfer sind an ihren Folgen verstorben und die meisten haben nur Geräusche gehört. Wer die Schaukel gesehen hatte, konnte die Schläge nicht bestätigen und die Opfer starben erst Tage später, weshalb der Zusammenhang eindeutig zu beweisen war. Es war beeindruckend wie gewissenhaft die Schüler*innen den Prozess führten. Doch da forderte Herr Kress nach der Entlastung Freispruch, was die verbleibenden Gruppen verwunderte. Doch halt. Die Entlastungen waren vor allem die Geschichte von Boger selber, der keine Namen zu dem Fall nenne konnte. Sehr dubios. Mehr will ich von dem Krimi nicht verraten. Natürlich löste Herr Kress nach der Urteilsverkündung den Fall noch für uns auf.

Hier will ich aber nicht weiter spoilern, sondern jedem ans Herzen legen dieses Archiv zu besuchen, am besten mit einer Klasse, um dieses Erlebnis selbst zu machen.

Hier mein ganz herzlicher Dank an Herrn Kress für die Einblicke sowohl in die Geschichte als auch für das Nachspielen des Prozesses an Boger.

Vielen Dank auch an die Schüler*innen, die sich so auf die Arbeit eingelassen haben.

Axel Nothardt und Sara Bräuning (K1)

Vorbereitung: Stadtrundgang ‚Denkmäler‘

Jeder von uns hat sich schon auf der Königsstraße beim Einkaufen vergnügt, ist in der Königsbaupassage in der Food Lounge gesessen oder hat dem Rathaus-Glockenspiel am Marktplatz gelauscht. Doch diese Orte sind weitaus mehr, denn sie bergen Geschichten, die fast hundert Jahre zurückliegen, denen die an der Auschwitz-Gedenkfahrt teilnehmenden Schüler*innen auf den Grund gegangen sind.

Nachdem sich alle Schüler*innen, Herr Nothardt, Herr Unizycki sowie Friedi und Marc vom Stadtjugendring Stuttgart versammelt hatten, ging der Rundgang los und zwar auf der uns allen bekannten Königsstraße. Vorerst hinterließ dies Fragezeichen, da sich niemand so richtig vorstellen konnte, wie die Einkaufsstraße mit der NS-Zeit in Verbindung steht. Doch Marc, der den Rundgang geleitet hatte, erklärte, dass genau hier vor hundert Jahren große Aufmärsche stattfanden und zwar für das 15. Deutsche Turnerfest. Vom 21. bis 31. Juli 1933 haben sich Turner*innen in den verschiedensten Disziplinen gemessen, was allerdings nicht die einzige Intention der Veranstaltung gewesen ist. Hitler missbrauchte dieses Sportfest um seine Ideologien zu präsentieren und nutze es auch als Mittel um Propaganda zu verbreiten.

Anschließen haben wir ein Bild erhalten, was zu dieser Zeit entstanden ist und die Königsstraße abbildete. Als wir dieses allerdings einordnen mussten bzw. herausfinden sollten wo genau das Foto auf der Königsstraße geschossen wurde, taten wir uns schwer.

Als nächstes kamen wir zu einem Denkmal bzw. Mahnmal, was schon vorher einigen von uns aufgefallen war. Es befindet sich an der Fassade der Königsbau Passagen und ist Eugen Bolz gewidmet. Er war der letzte württembergische Staatspräsident. Als er sich 1933 offen gegen die NSDAP aussprach, musste er sein öffentliches Amt ablegen. Er wurde Widerstandskämpfer. Nach dem Stauffenberg-Atten tat wurde er inhaftiert und schließlich mithilfe eines Fallbeiles enthauptet.

Weiter ging es dann mit einem Ort, den viele von uns noch gar nicht kannten und wo wir den Bezug zur NS-Zeit auch erst einmal auf eigene Faust entdecken sollten. Nach kurzer Zeit fanden wir eine Steintafel neben dem heutigen Hospitalhof, welches damals das Polizeihauptquartier und auch Gefängnis war. Hier erzählte uns Marc von einem jungen antifaschistischen Widerstandskämpfer namens Hans Gasparitsch, der aufgrund seiner Anti-Hitler- und Anti-Kriegs-Botschaften, die er auf den Rossbändiger-Skulpturen hinterließ, festgenommen wurde und in genau dieses Gefängnis kam. Uns wurden Fotos und Dokumente gezeigt, die ihn und seine Tat abbildeten. Dies ist natürlich nur eine von vielen interessanten Geschichten von Leuten, die in diesem Gefängnis teilweise auch ihr Leben verloren.

Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Stuttgarter Marktplatz, denn tief unter den Pflastersteinen des Platzes befindet sich eine sehr wichtige Einrichtung, die der Bevölkerung damals den nötigen Schutz bot, nämlich Tiefbunkeranlagen, welche 1938 gebaut worden sind. Allerdings war der Zutritt weder für Sinti und Roma, noch für politisch Verfolgte oder Zwangsarbeiter gewährt. Nach dem Krieg wurde der Bunker dann umfunktioniert und es eröffnete ein Hotel, was allerdings 1985 wieder schließen musste.

Zum Schluss haben wir uns noch das Mahnmal von Elmar Daucher angeschaut, was sich auf dem Karlplatz befindet. Hier wurden wir erst einmal gefragt, ob wir es für sinnvoll hielten, dass dieser Würfelkomplex aus Granit nicht auf der Königsstraße steht. Und während einige dies durchaus für sinnvoll hielten, meinten andere, dass es auf dem Karlsplatz gar nicht wahrgenommen werden würde, da auf der Königsstraße einfach mehr Leute daran vorbeikommen würden. Es stellte sich dann heraus, dass das Mahnmal, was an die Opfer der NS-Zeit gedenken soll, die unter der Gewaltherrschaft litten, aus wirtschaftlichen Gründen am Karlplatz erbaut wurde. Daneben befindet sich auch eine Tafel mit der Inschrift von Ernst Bloch, welche lautet: „Verfemt, verstoßen, gemartert, erschlagen, erhängt, vergast — Millionen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beschwören Dich: niemals wieder!“

Hier endete schließlich ein sehr interessanter, spannender, aber auch sehr lehrreicher Montagnachmittag. Wir konnten Stuttgarts Geschichte und Orte in einer ganz neuen Perspektive kennenlernen, was sehr viel Spaß gemacht hat und ein sehr gelungener Start für die lange Reise in unsere Vergangenheit war.

Vielen Dank an Marc und Friedi, die die Tour so toll organisiert und vielseitig gestaltet haben.

Zaineb Afife und Sara Bräuning (K1)

Gedenkfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz

Gedenkfahrt mit dem Stadtjugendring Stuttgart (SJR)

Die Gedenkfahrt nach Auschwitz hat zum Ziel, historisches Wissen zu vermitteln und zugleich Lehren für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen. Gerade heute, angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, kommt einer Gedenkfahrt nach Auschwitz – Symbol für die Shoah, den systematischen Mord an den Juden Europas – eine noch stärkere Bedeutung zu. Die Fahrt ist für Schüler*innen, die im nächsten Jahr in der 10. Klasse oder K1 sind.

Niemals vergessen

„Die Shoah ist ein schmerzvoller Teil deutscher Geschichte, der zu uns gehört, den wir nicht leugnen dürfen und den wir niemals vergessen dürfen. Was sich nicht wiederholen soll, das darf nicht vergessen werden.“ (Bundespräsident Steinmeier, September 2022)

Vorbereitung (6 Termine à 2 Stunden):

  • Mi. 20.9. 14-16 Uhr:    Team- und Themenfindung
  • Mo. 9.10. 16-18 Uhr:   Stadtrundgang (jüdischer Friedhof, …)
  • Di. 7.11. 11.30-18 Uhr: Zentrale Stelle für nationalsozialistische Verbrechen
  • Do. 30.11. 16-18 Uhr:  Hotel Silber (Gestapo Zentrale)
  • KW   50:                        Synagoge
  • Mi 17.1. 24 14-16 Uhr: Vorbereitung zur Fahrt

Programm:

  • So. 28.1. 19.30 Uhr Abfahrt am WBG
  • Mo. 29.1.  Krakau: Stadtführung, jüd. Viertel
  • Di.   30.1.  Krakau: Schindler Museum, Jewish Community Centre,
                     Jüd. Galizische Museum: Zeitzeuge, Klezmer-Konzert
  • Mi.   31.1. Einführung IJBS, Führung Auschwitz und Birkenau
  • Do.   1.2.   ohne Führung in Birkenau, Auschwitz, Shoah-Ausstellung
  • Fr.     2.2.  Archivarbeit, Workshop jüd. Zentrum und Synagoge
  • Sa.     3.2. Workshops (Sinti, Kinder, Frauen, Sport, Botschaft Überlebender)
  • So.    4.2.  Briefe und Blumen, Rückfahrt, Ankunft WBG ca. 24Uhr

„Ihr tragt keine Schuld für das was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert“ Esther Bejarano (Mädchenorchester Auschwitz)

Vorbereitung

Zur Vorbereitung der Fahrt werden Besuche verschiedener Erinnerungsorte in und um Stuttgart herum stattfinden und Recherchearbeiten betrieben. Anhand des anschließenden Besuchs im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, der Gespräche mit Zeitzeugen und der Arbeit in den Archiven vor Ort soll nachvollzogen werden, welche Grundlagen ein diktatorisches Regime schafft, um Menschenrechte und demokratische Werte vollkommen auszuhebeln, welchen Schicksalen die Opfer ausgesetzt waren und mit welcher Systematik Menschen aus ganz Europa ausgegrenzt, deportiert, ausgebeutet und vernichtet wurden.

Reise zu einem Ort der Erinnerung an die Shoah

Es handelt sich um eine Fahrt, bei der das Erleben vor Ort einen wichtigen Bestandteil haben wird und die das Gewissen, die Empathie und die Sensibilität bewegen und zur persönlichen Reflexion anregen soll. Wir werden Erinnerungsorte besuchen, wo sowohl Verbrechen gegen die Menschheit verübt wurden als auch heroische Taten wie etwa die Rettung von Menschenleben stattfanden. Eine Reise zu einem Ort der Erinnerung ist nicht einfach, schön und angenehm, aber sie ist sehr wichtig, damit es nie wieder so weit kommt und die Erinnerung an die Shoah wachgehalten wird.

Wir würden uns freuen, wenn ihr diese Gedenkfahrt mit uns antretet.

Piotr Unizycki, Axel Nothardt, Friederike Hartl (SJR), Marc Fischer (SJR)